GESETZE DES LEBENS

Das Leben ist ein Prozess, kein Zustand. Gesundheit ist ebenfalls ein Prozess, kein Zustand. Genauso verhält es sich mit dem Leiden, das mit unserer Entwicklung immer einher geht. Auch das ist ein Prozess und kein Zustand. Die Veränderlichkeit eröffnet dem Individuum die Möglichkeit, eigenverantwortlich seine persönliche Entwicklung zu lenken. Gesundheit ist die Fähigkeit, Veränderung in eine konstruktive Richtung zu lenken. Entgleitet das Leben in eine destruktive Richtung, nennen wir das Krankheit. Heutzutage machen wir häufig den Fehler, Entwicklung per se als Krankheit zu etikettieren, weil wir mit ihr den Verlust lieb gewonnener Komfortzonen erleiden. Dieses Leiden ist aber ein unvermeidbarer Bestandteil des Lebens, ein Begleiter unserer persönlichen Evolution und unseres Wachstums. Entscheidend dafür, ob wir krank sind, ist nicht die Erfahrung des Leidens an sich, sondern die Art des Umgangs mit dem Leiden. Erst wenn wir leidvolle Veränderungen nicht konstruktiven beantworten, sind wir krank. 

 

Die Chance

 

Wenn alles im Leben Veränderungen unterliegt, ist zwangsläufig nicht immer alles so, wie man es gerne hätte und muss es erleiden. Selbst der Augenblick größten Glücks kann nicht festgehalten werden und entgleitet. Es erscheint, als würde sich das Glück sogar immer schneller entziehen, je mehr man danach strebt. Bei allen Schwierigkeiten, die man mit dem Prozess des Lebens haben kann, gibt es aber einen Aspekt, der alles andere aufwiegt. Niemand ist im Leiden auf Dauer gefangen. Jeder kann sein Leben verändern. Auch wenn das bedingte Glück nicht dauerhaft ist und man dem Unglück so nicht vollständig entkommt, ist es doch  möglich relativ mehr Glück und weniger Unglück zu erfahren. Das Leben ist die Gelegenheit innerhalb seiner Grenzen zu erschaffen, was auch immer man will.

 

Um sein Schicksal zu meistern muß man sich mit den Gesetzen des Lebens beschäftigen. Jeder Mensch entwickelt Gewohnheiten und Konzepte, um im Leben voranzuschreiten. Diese Gewohnheiten gilt es zu erkennen, da sie sonst sehr schnell verhindern können, das eigene Leben selbstverantwortlich zu gestallten. Ein Beispiel hierfür ist die Fähigkeit, ein Auto zu fahren. Wer darin geübt ist, wird nicht mehr darüber nachdenken, ob er Gas geben, bremsen oder kuppeln muss. Es werden selbstverständliche Abläufe, weil sie zur Gewohnheit geworden sind.

 

Alles, was zur Gewohnheit wird, entwickelt mit der Zeit einen Automatismus und  geschieht mehr und mehr unbewusst. Das ist einerseits durchaus sinnvoll, denn wenn man zum Beispiel jeden Tag aufs Neue Sprechen oder Schreiben lernen müsste, könnte man sich nicht weiterentwickeln. Bemerkenswert ist allerdings, dass bei einem Erwachsenen nahezu sein ganzes Leben auf Gewohnheiten beruhet, ohne dass er es bemerkt. Was als freie Entscheidung erscheint, war längst durch unbewußte Gewohnheit bedingt. Jede Gewohnheit ist eine dynamische Kraft, die umso größer ist, je häufiger sie geübt wird. Handelt es sich um eine Gewohnheitskraft, die in ihren Konsequenzen für den Einzelnen und die Gemeinschaft unheilvoll ist, dann wird sie zu einer Krankheitskraft. Dramatische Zäsuren, wie schwere Schicksalsfälle oder noch schwerere Krankheiten durchbrechen  diese Wand der unheilvollen Gewohnheiten mit einem Ereignis, wenn die Wucht dieser Erfahrung größer ist als die Kraft der Gewohnheit. Ansonsten braucht es sehr viel Willenskraft und Ausdauer, will man diese Kraft noch überwinden.

 

Je länger der Mensch etwas übt, desto grösser wird die Gewohnheitskraft. Diese Kraft kann im Bild gesprochen entweder eine 30 cm hohe Ostseewelle sein oder die 10 m hohe Welle vor Hawaii. Je stärker die Gewohnheit ist, desto höher wird die entsprechende Welle und desto reibungsloser verläuft erst einmal das Leben – wenn die Gewohnheit nicht im Widerspruch steht zu einer anderen starken Gewohnheit. Jeder kennt die Glückspilze, bei denen alles reibungslos verläuft und sich ein glücklicher Umstand an den anderen reiht! Hier gibt es gerade keinen Widerstreit der Gewohnheiten. Aber meistens ist die Realität des menschlichen Lebens eher, dass man eine Vielzahl von Gewohnheiten in sich trägt, die in ganz unterschiedliche Richtungen steuern. Ein einfaches Beispiel ist: Man möchte abnehmen und man will sich nicht bewegen. Aber ich möchte  erst einmal bei dem Glückspilz bleiben.

 

Man stelle sich also vor, dass es im eigenen Leben keine widersprechenden Gewohnheiten gäbe. Dann surft man, in meinem Bild, vielleicht auf dieser 10 m hohen Welle vor Hawaii, lässt sich den Wind um die Nase wehen und alles geschieht wie von alleine. Man genießt sein Leben! Doch wie es im Leben früher oder später so ist, plötzlich stellt man fest, dass die Wirkungen des eigenen Handelns und Denkens nicht nur wünschenswert sind. Denn die Welle, die man seit geraumer Zeit reitet, trägt einen zum Beispiel in eine Bucht voller gefährlicher Riffe. In Wahrheit wollte man aber in die nebenan gelegene Bucht mit dem weißen Sandstrand und den Kokospalmen. Keine große Abweichung, aber doch ein lebensentscheidender Unterschied. Der Glückspilz ist jetzt kein Glückspilz mehr. Er erkennt die Gefahr der Situation und realisiert, dass er drauf und dran ist, in sein Verderben zu surfen. Jetzt gibt es auch bei ihm einen Konflikt unterschiedlicher Gewohnheiten. Er will auf seiner Welle surfen und er will am Leben bleiben. Je später er sein Verderben bemerkt, desto stärker war die Gewohnheit auf einer Welle zu surfen. Je früher er es bemerkt, desto stärker ist sein Wunsch am Leben zu bleiben. Früher oder später ändert sich die Gewichtung der Gewohnheitskräfte abhängig von den Lebensumständen in denen man lebt und der Wunsch etwas zu verändern erscheint als freier Willensakt. In Wahrheit hat eine andere Gewohnheitskraft übernommen, in diesem Augenblick durchaus heilsam. Er muss sofort etwas ändern! 

Man sieht also, dass Gewohnheitskräfte an sich weder gut noch schlecht sind. Ob sie das Leben vereinfachen, oder unfrei machen, hängt von der Achtsamkeit des Einzelnen ab. Ob sie heilsam, oder unheilvoll sind, hängt unter Umständen von den Lebensumständen ab.  

 

Eine Gewohnheitskraft ist eine Krankheitskraft, solange sie destruktive Wirkungen produziert. Das gilt für geistige, psychische und körperliche Gewohnheiten in gleicher Weise. Physikalisch verdichtet sich Energie aus reiner Schwingung zu Licht und dann zu Materie. Genauso verhält es sich mit Krankheitskräften. Zunächst gibt es ein Ungleichgewicht der Lebenskraft, dann verändert sich das Denken, die Gefühle und der Stoffwechsel. Am Ende manifestieren sich extrem starke Gewohnheitskräfte als die DNA Struktur des genetischen Codes. Krankheit verläuft zunächst die meiste Zeit latent. Sie ist eine unbewusste, für den Betreffenden zunächst unsichtbare Gewohnheit, eine Diathese, die erst im Laufe der Zeit und der fortgesetzten Übung an Intensität zunimmt und damit in ihren Wirkungen zunehmend sichtbar wird. Der Augenblick, in dem man die unheilvollen Wirkungen dieser Kraft wahrnimmt, ist einerseits leidvoll und erschreckend, andererseits aber extrem heilsam und unter Umständen lebensrettend.

 

Man hat nun zwei Möglichkeiten: Entweder man kämpft gegen diese Realität an, oder man erkennt die wahre Ursache des Problems und öffnet sich für das Potential der Heilung, das darin verborgen liegt.

 

Der Krieger in uns: Wirkungen bekämpfen

 

Die Not ist nun groß, die Zeit drängt, man hat Angst vor den furchtbaren Folgen der Gewohnheit. Man beschließt, umgehend etwas zu unternehmen, um der drohenden Gefahr augenblicklich zu entkommen und springt von seinem Surfbrett hinunter ins Wasser. Das ist sicherlich die korrekte Entscheidung! Aber was nun als logische Folge auf diese Maßnahme passiert, ist, dass einem zum ersten Mal im Leben die ganze Wucht seiner alten Gewohnheit ins Gesicht schlägt. Eine 10 Meter hohe Welle bricht über einem zusammen.

 

Das Leiden, das eine Krankheit begleitet, begleitet auch den Prozess der Heilung bis zu ihrem ultimativen Ziel. Die Erwartung, dass der Weg der Heilung Leid frei sein müsse, ist falsch. Aber im Vergleich zu der Intensität des Leidens, die man erfahren hätte, wenn man niemals gesprungen wäre oder erst zu einem viel späteren Zeitpunkt, nimmt die Intensität des Leidens auf dem Weg der Heilung natürlich nicht zu, sondern ab.

 

Jeder weiß, wie unglaublich ernüchternd es ist, wenn eine Woge nach der anderen heranrollt und einen immer wieder umwirft. Wenn der Sog hinter der Welle einen trotz maximaler Schwimmbemühungen immer weiter von der ersehnten Sandstrandbucht wegträgt. Alle Anstrengungen erscheinen dann bisweilen vollständig vergeblich und sinnlos. Es ist aber nicht sinnlos, denn jede auch noch so kleine Handlung bring einen dem Ziel näher, völlig egal wie vergeblich es erscheint. In jedem Mensch existiert ein Lebenswille, eine Willenskraft, die sich gegen das Leiden aufbäumt. Ich nenne sie den Krieger. Er ist derjenige, der nach der Erkenntnis, dass er leidet, die Entscheidung trifft, ab sofort Änderungen herbeizuführen. Das Gesetz, mit dem dieser Krieger dann eine alte Gewohnheit überwinden kann, ist das gleiche nach dem diese Gewohnheit einst entstanden war. Nach der richtigen Einschätzung seiner Lebenssituation muss der Krieger beginnen eine neue Gewohnheit zu etablieren, eine mit heilsamen und wünschenswerten Wirkungen. Je häufiger nun die alte Welle heranrollt und ihn umwirft, je häufiger er wieder aufsteht und in seinen Bemühungen fortfährt, desto eher wird aus seinen Bemühungen eine neue Gewohnheit und somit wieder ein Automatismus. Wird die neue Gewohnheit dann irgendwann stärker als die alte, ändern sich die Kräfteverhältnisse. Und die Früchte der Bemühungen des Kriegers werden sichtbar.

 

Es bleibt aber immer ein vorrübergehender Erfolg, denn das grundlegende Problem des Kriegers besteht darin, dass jede Gewohnheit im Konflikt steht zur Veränderlichkeit des Lebens und damit zu unserer eigenen Veränderlichkeit. Eine Gewohnheit verändert sich nicht, das Leben unaufhörlich. Selbst eine scheinbar perfekte, neue Gewohnheit kann auf Dauer nicht die Lösung sein. Die Lösung, die man jetzt findet, wird in fünf Minuten oder erst in zehn Jahren nicht mehr die richtige sein. Die Bucht mit dem tollen weißen Sandstrand und den riesigen Palmen entpuppt sich möglicherweise als verlassenes Eiland und man erleidet Einsamkeit. Oder dieser Ort ist vollständig überlaufen von Menschen und man erträgt den Rummel irgendwann nicht mehr. Man wird gezwungenermaßen irgendwann später im Leben die Wirkungen der jetzt noch neuen Gewohnheit wieder erleiden. Es ist ein unendliches Hamsterrad ohne Entkommen. So lebensrettend die Entscheidung gewesen sein mag, sofort von einem Surfbrett zu springen und gegen die Gewohnheitswelle anzukämpfen, sie führt letztendlich wieder zu einem neuen Problem. Idealerweise wird das Maß des Leidens natürlich geringer und nicht größer, wenn man kämpft, aber es wird an der grundsätzlichen Situation des Leidens nichts ändern.

 

Der Heiler in uns: Ursachen erkennen

 

Die wahre Ursache menschlichen Leids liegt meiner Meinung nach in der Tatsache begründet, dass man in seinem Leben Gewohnheiten ausprägt, die einen von seiner ultimativen Realität trennen und entfernen, vielleicht sogar entfremden. Heilung muss daher etwas damit zu tun haben, mit dieser ultimativen Realität wieder in Kontakt zu kommen, mit ihr in Einklang zu sein und nicht im Widerspruch zu ihr zu stehen.

 

Ich möchte das am Beispiel meines Beziehungsmodells von Partnerschaft verdeutlichen, da Partnerschaft jeden Menschen betrifft. Der Begriff Partnerschaft umfasst, so wie ich ihn hier darstellen möchte, alle Facetten der persönlichen Beziehung zum Leben. Das umschließt jede Beziehung zu einem Gegenüber, zum Partner und natürlich die Beziehung zu sich selbst.

 

Partnerschaft findet auf verschiedenen Ebenen oder in verschiedenen Entwicklungsabschnitten statt. Das ganze ist wie ein Kreis, der in vier Quadranten eingeteilt ist. Auch wenn es eine zeitliche Abfolge dieser Abschnitte gibt, die durch die Entwicklung des Menschen bedingt ist, muß man aber sagen, dass ein Abschnitt nicht zurück gelassen wird, sondern weitere dazu kommen. Der erste Abschnitt ist die Basis für den zweiten und so weiter. Es kann also genauso sein, dass Menschen wieder in frühere Beziehungsformen zurück fallen. Der erste Abschnitt ist geprägt von der Beziehung zur Mutter, die hier essentiell ist. Während der ersten neun Schwangerschaftsmonate bis zum Durchtrennen der Nabelschnur, höchstens aber bis zum Abstillen, ist das eine völlig symbiotische, aber abhängige Beziehungsform. Man ist eins mit dem Anderen, aber nicht aus Freiheit, sondern weil es die Umstände so bestimmen. Symbiotische Beziehungsformen sind extrem verletzbar, da z.B. eine Mutter nicht permanent bereitstehen kann, einen Säugling zu füttern, wenn der hungrig ist oder ihm Gesellschaft zu leisten, wenn er sich alleine fühlt. Das Kind erlebt kurze Momente der Harmonie, wenn die Mutter die Bedürfnisse befriedigt und immer wieder leidvolle Trennung, wenn die Welt nicht zur Verfügung steht, die eigenen Bedürfnisse sofort im Augenblick ihres Entstehens zu befriedigen. Es erlebt sich völlig abhängig vom Anderen. Der erste Quadrant genauso wie der folgende, beide bilden zusammen das Reich des inneren Kriegers. Hier muss versucht werden, die Situation zu verändern und aus der Sicht des bedürftigen und ausgelieferten Kindes hängt sein ganzes Überleben davon ab.

 

Der nächste Quadrant ist die romantische Liebe, oder wie ich es nenne, die Phase der Tyrannei. Egal, ob ich ein charmanter oder ein despotischer Tyrann bin, ich glaube hier, dass die Welt, meine Freundin, mein Freund die Ursache für mein Glück ist. Der Andere ist das Glück, das mir selbst fehlt, und ich mache alles, um es von ihm zu bekommen. Ich versuche den Anderen, den Partner, zu verändern, damit er ist, was ich zum glücklich sein brauche.  Shakespeare muss dieses Beziehungsmuster sehr gut gekannt haben. Er wusste, dass romantische Liebe auf Dauer alleine nicht funktioniert, denn  Romeo und Julia haben es nicht geschafft. Sie sind beide tragisch an ihrer Beziehung zugrunde gegangen.

 

Tyrannei ist die Beziehungsform der Adoleszenz, des Jugendlichen. Jede erwachsene Königin, jeder erwachsene König muss während der Jugend ein Tyrann gewesen sein. Die Welt mit der Haltung des inneren Kriegers den eigenen Bedürfnissen zu Nutzen zu machen, klappt hier besser als in der eingangs beschriebenen symbiotischen Säuglings- bzw. Kleinkindbeziehung, man ist nicht mehr völlig das Opfer seiner Umstände, scheitert aber letztendlich ebenfalls. Das Scheitern ist die zwingende Notwendigkeit die Vergeblichkeit dieser Beziehungsmodelle zu erkennen. Wer keine Hoffnung mehr hat, ist gezwungen seine Strategie zu verändern. Manchmal ist die Depression eines Menschen der Ausdruck dieses Scheiterns. Das Leben funktioniert plötzlich nicht mehr. Man kann nicht mehr darauf warten, dass das Leben einem schenkt, was dringend gebraucht wird, dafür geht es einem dann einfach zu schlecht. Man muss erwachsen werden und anfangen selber zu säen, was man später ernten will. Wer nicht gescheitert ist, hofft weiter, er könne wie ein kleines Kind ernten ohne zu säen, auch wenn es noch nie einen Bauern gegeben hat, der erntet ohne gesät zu haben.

 

Der dritte und vierte Quadrant ist das Reich des inneren Heilers. Er tritt nun in der reifen Erwachsenenphase von Königin und König in Erscheinung und löst damit den Krieger ab. Königin und König ist, wer erkannt hat, dass es nicht darum geht zu verändern, um zu bekommen, sondern sich für die Realität des Anderen zu öffnen, um zu geben. Wenn man in einer Beziehung glücklich sein möchte, hat man die Freiheit dem Partner zu geben, was ihn glücklich macht. Bemüht man sich darum, wird man seinen Partner nicht mehr verändern wollen, sondern ihn so lassen wie er ist. Und damit auch sich selbst lassen, so wie man ist. Auf dieses dritte Beziehungsmodell der Akzeptanz des Anderen und der Einsicht Glück geben zu können, wenn ich Glück ernten will, folgt der vierte Quadrant. Mit ihm schließt sich der Kreis. Habe ich es geschafft, den Partner, mich selbst und das ganze Leben wirklich zu akzeptieren, dann geschieht etwas Wundervolles. Es entsteht eine uneingeschränkte Offenheit dem Leben gegenüber, so wie das Leben ist, nicht mehr so wie ich es gerne hätte. Es kann dann sein, dass ich das Leben, meinen Partner und mich selbst zum ersten Mal wirklich wahrnehme und dieser magische Augenblick geschieht, nach dem ich die ganze Zeit vergeblich gesucht habe: Ich berühre zum ersten Mal das Leben wirklich. Der vierte Quadrant ist der Raum der Weisheit, indem sich die duale Sichtweise von König und Königin, von Ich und Du auflösen. Der Kreis schließt sich wieder. Es entsteht wieder eine Symbiose, aber jetzt als Ausdruck vollständiger Freiheit. Das ist der Moment, wo sich alle Begrenzungen auflösen und mit ihnen alles Leiden. Das ist der Moment von Heilung.

 

Solange man Wirkungen bekämpft, wird man die Ursache dieser Wirkungen nicht wahrnehmen können. Man ist ausschließlich darauf konzentriert es anders haben zu wollen als es ist. Wenn man innehält und sich für das Leben öffnet, die Wirkungen beobachtet und nicht mehr einfach nur eliminieren möchte, wird man ihre Ursache, ihren Ursprung erkennen können.

 

Das Leiden und mit ihm die Krankheit ist eine Frucht, eine Wirkung unseres Denkens, Fühlens und Handelns. Wenn man Wirkungen bekämpft, wird man Leiden unendlich weiter in die Zukunft multiplizieren. Das Problem verursacht Wirkungen, die das Problem nähren. Das Wesen des Leidens ist es zu leiden. Es kreiert sich Umstände, die das Leiden aufrecht erhalten. Heilsam ist es, wenn man anfängt die wahren Ursachen des Leidens zu entdecken. Das Problem weg haben zu wollen und dagegen zu sein, reicht nicht aus, um es zu überwinden. Man heilt das Leiden, wenn man sich für das Leiden öffnet. Das hört sich etwas erstaunlich an, so als sollte man das Leiden zu sich einladen und damit eigentlich alles noch viel schlimmer machen. So verstehe ich es aber nicht. Es geht meiner Meinung nach einzig und allein nur darum, die Realität des Leidens wahr zu nehmen, bis hinab zu seinem Ursprung. Je genauer ich die Ralität erforsche, desto mehr eröffnen sich tiefere, subtilere Ebenen. Heilsam ist die Erkenntnis, dass die aktuelle Realität ihre Wurzeln in einem unerschöflichen, vollkommenen Ursprung hat, der potentiell Ursprung für jede andere denkbare und noch undenkbare Realität sein kann. Die momentane, leidvolle Realität ist nur eine Erscheinungform von unendlich vielen. Diese Wahrheit zu erkennen, ist unglaublich heilsam.

 

Loslassen

 

Die klassische Homöopathie bietet meiner Meinung nach ein äußerst wirksames Instrument für Heilung. Die homöopathische Herangehensweise unterstützt dabei den Prozess des Sich Öffnens für die eigene Realität, was zu einer heilsamen Verbindung mit dem Leben führt. Wichtig ist mir nochmal darauf hinzuweisen, dass sich für das Leiden zu öffnen in diesem Kontext nicht bedeutet, zum Leiden zu werden. Es bedeutet vielmehr, in einer möglichst vollständigen Unvoreingenommenheit dem Leiden als einer Tatsache zu begegnen, indem man es so genau wie möglich betrachtet, aber ohne damit zu verschmelzen. Durch den Erkenntnisprozess kommt es dazu, in immer tiefere Ebenen des Leidens vor zu dringen und seine wahre Natur, seine wahre Quelle zu erkennen: Die Lebenskraft. Eine Kraft, die sich momentan als Leiden ausdrückt, sich potentiell aber auch als alles Andere manifestieren kann. Ein Potential, das Leben erlösen kann.

 

Jedes korrekt verordnete homöopathische Arzneimittel spiegelt einem die Tatsache seiner Realität, so wie sie sich in diesem Augenblick darstellt. Gleichzeitig stellt es dadurch eine Verbindung zur ursprünglichen Ebene der Lebenskraft her. Nur wenn man seine Realität erkennt, wie sie wirklich ist, hat man die Freiheit die darin enthaltenen Möglichkeiten zu erkennen. Richtig verstandene Homöopathie fordert einen auf, mutig zu sein und wirklich hinzuschauen. Sie fordert auf, offen zu sein, egal welches Spiegelbild auch immer einem begegnen mag. Egal, ob man seine Realität nun will und mag, oder nicht. Aus dieser Offenheit entsteht dann die Erfahrung, dass man viel mehr ist als nur dieses Leiden. Man sollte sich vor allem um die Ursachen kümmern und eben gerade nicht um die Wirkungen. Heilung ist dann die zwangsläufige Frucht dieser Bemühungen.

 

Wenn man sich mehr und mehr entspannt, sich mehr und mehr öffnet, loslässt von dem, was trennt, was Leiden verursacht, dann kann jeder Augenblick heilsam werden. Andersartigkeit und Fremdheit wird es vielleicht immer geben, überfüllte, oder vereinsamte Strände, ebenso kleine und große Wellen. Aber es wird einen nicht mehr aus seinem Gleichgewicht bringen. Egal welches Bild auch immer erscheint, leidvoll oder glücklich, die Offenheit dem Leben und sich selbst gegenüber bedingt, dass man immer in Kontakt bleibt mit seinem Potential, der Quelle jeder Heilung.  

 

Ich möchte aber darauf hinweisen, dass die Erkenntnis des innewohnenden Potentials nicht zwingend ein kognitiver Prozess sein muss. Es geht am Anfang nicht darum es zu verstehen, sondern es zu erfahren und geschehen zu lasen. Wie wäre es auch sonst möglich kleine Kinder oder auch Tiere homöopathisch zu heilen? Der Verstand ist nur ein kleiner Bereich unserer Existenz und manchmal ein Hindernis, wenn er ausschließt, was heilt, wenn er festlegt, dass nicht sein darf, was ist, nur weil es den Denkgewohnheiten widerspricht. Erst wenn es darum geht eigenverantwortlich zu handeln und andere in ihren Bemühungen zu unterstützen, ist der Verstand notwendig.

 

Krieger und Heiler: Die zwei Seiten einer Medaille

 

Manchmal ist es im Leben erforderlich, dass man zum Krieger wird und genau dann sollte man auch beginnen zu kämpfen. So ist Krankheit ein Auslöser, der den inneren Krieger auf den Plan rufen sollte. Denn beizeiten muss man erst kämpfen, um die eigenen inneren und äußeren Umstände soweit zu gestalten, dass man sich anschließend öffnen und entspannen kann. Es ist an dieser Stelle wichtig anzumerken, dass Kampf ausschließlich Kampf zur Folge haben wird und auf keinen Fall mit Heilung verwechselt werden darf.

 

Weil der innere Krieger niemals heilen kann, wird er früher oder später verzweifeln. Gerade bei tieferem Leiden ist es sehr wichtig diese Dynamik zu verstehen.  Durch starken Leidensdruck erlebt man immer wieder Augenblicke der Verzweiflung, wenn alle Bemühungen vergeblich erscheinen und der persönliche Zustand nicht in die erhoffte Richtung fortschreitet und weil Heilung vielleicht nicht so schnell geschieht, wie man es sich aus seinem Leidensdruck heraus wünscht. Die Natur des Kriegers ist ein Krieger zu sein und kein Heiler. Die Bestimmung dieses Kriegers scheint in Bezug auf alle Heilbemühungen zu sein, dass er am Ende seiner tatkräftigen Anstrengungen scheitern muss. Je effektiver aber der innere Krieger arbeitet, umso intensiver gestaltet er scheinbar sein eigenes Glück. Er erlangt relativ ein Mehr an Gesundheit, Wohlstand und Freiheit.

 

Doch alles was der Krieger erschafft, bleibt ultimativ vergänglich und muß daher irgendwann vergehen. Somit kann der Krieger zwar das Ausmaß des persönlichen Leids verringern, er entkommt dem Kreislauf des Leidens aber noch nicht. Denn jeder Krieger wird scheitern, allerspätestens im Augenblick des Todes.

 

Wahre Heilung setzt voraus, dass gekämpft und alles gegeben wurde; es geht somit nicht ohne den inneren Krieger: Nur wer alles gegeben hat, kann vollständig scheitern! Es handelt sich hier um einen Paradigmenwechsel im Verständnis des Lebens, um einen geistigen Quantensprung. Man muss kämpfen, um zu scheitern ... um zu erkennen, dass der Krieger sich immer in einem Konzept, in einer Gewohnheit bewegt, welche ihn von seinem wahren Ziel der Heilung trennen. Aus dem Moment der Niederlage wird dann augenblicklich der ersehnte Sieg, der magische Augenblick, in dem die letzte Ursache des Leidens fällt. Erneuerung geschieht nur, wenn man das Alte, Gewohnte loslässt. Das ist der Augenblick der wahren Heilung. Erst wenn der Krieger scheitert, entsteht ein Zustand von Offenheit und Loslassen, der Veränderung und Heilung ermöglicht. So verstanden ist das Scheitern des inneren Kriegers absolut wünschenswert und Voraussetzung für Heilung im wahrhaftigen Verständnis. Heilung hat somit immer etwas mit Offenheit und Absichtslosigkeit des Erkrankten, d.h. mit Selbstlosigkeit zu tun. Man kann  ultimativ betrachtet niemals willentlich absichtslos sein. Absichtslosigkeit und Loslassen von krankmachenden Gedanken, Worten und Taten geschieht, wenn der innere Krieger aufgibt. Wenn der kranke Mensch aufhört nur zu verändern, was ihn von der Heilung trennt, dann berührt er sein wahres Potential. Es reicht nicht nur die Blätter oder Zweige eines giftigen Unkrauts zu beschneiden. Die ganze Pflanze muss von der Wurzel her entfernt werden. Es reicht nicht das Konzept immer wieder zu verändern, wenn das Konzept an sich das Problem ist.  

 

Jeder kennt diesen Prozess aus seinem Leben, denn es geht nicht nur um das ultimative Scheitern, das vollständig aus dem Leiden befreit, es geht auch um die vielen kleinen Schritte auf diesem Weg. Der Krieger tut das Richtige um der richtigen Ergebnisse willen. Er bemüht sich, er tut alles, was er kann, aber die erwünschten Wirkungen bleiben letztendlich aus. Wenn er dann verzweifelt, aber aus der Erkenntnis dessen, was für ihn das Richtige ist, fortfährt das Richtige zu tun, um des Richtigen willen und nicht mehr nur um der Früchte willen, dann ist das auch ein Scheitern und es entsteht die Offenheit und der Raum für wahre Heilung. Dann hat er losgelassen. Dann hat er sich für einen Augenblick wirklich dem Richtigen gegenüber geöffnet, ungefiltert, ohne Einschränkungen und nicht nur das Leiden bekämpft und nach seinen Konzepten verändert. Diese bedingungslose Offenheit dem Leben gegenüber bedingt die Erfahrung des inneren Potentials. Auch wenn danach der innere Krieger sofort wieder aufersteht und alles wieder von vorne beginnt, ist doch etwas Wundervolles geschehen. Egal wie kurz der befreiende Augenblick war, selbst wenn er nicht einmal bewusst erfahren werden konnte, die Erfahrung des eigenen Potentials befreit in jedem Fall das Leidvolle aus seiner Begrenztheit und ein wenig Heilung kann geschehen.

 

Die Paradoxie des Lebens kann dann manchmal sein, dass wenn man das Richtige tut um der richtigen Früchte willen, diese noch Zeit zum Reifen benötigen. Und wenn man beginnt, das Richtige um des Richtigen willen zu tun, einem die Früchte gar nicht mehr so wichtig sind. Solange man danach trachtet, die Früchte unbedingt zu erlangen, müssen sie noch reifen. Und wenn man dann erkennt, dass es eigentlich immer nur darum gegangen ist das Richtige zu tun, dann sind die Früchte nicht mehr so wichtig und man erntet in Fülle. Heilung vollzieht sich am Anfang in vielen, kleinen Schritten. Mit zunehmender Übung können diese Schritte dann größer werden. Aber Heilung ist nie nur das Ergebnis von Bemühungen, sondern immer ein Sich Öffnen für die Realität und ihres Potentials. Die Erfahrung von Leid, von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit ist ein schmerzhafter Bestandteil  des Lebens und jeder Heilung. Es ist der Moment, in dem man erkennen kann, dass die bisherigen Strategien und Vorstellungen nicht mehr mit der Realität im Einklang stehen. Aus dieser Offenheit können neue Antworten gefunden werden.

 

Evolution

 

Die Aufgabe jeder Heilkunst ist es, die Entwicklung des Individuums zu ermöglichen, sie in eine konstruktive Richtung zu lenken und vorhandenes Leiden so weit wie möglich zu verringern. Leiden zu vermeiden hieße Entwicklung zu vermeiden. Leiden zu unterdrücken, hieße Leiden zu vergrößern. Wenn man gegen das Leben kämpft, erhöht sich früher oder später der Leidensdruck. Bis man loslässt und das Leben wieder zur Heilung streben kann.

 

Wie eingangs schon erwähnt ist ultimativ betrachtet das Leben selbst ein Heilprozess. Früher oder später wird jeder die erforderlichen Schritte im Sinne der Evolution machen. Jeder hat dabei die Freiheit zu entscheiden, ob es ein schmerzhafterer Prozess sein wird oder nicht. Jede wahre Heilkunst ist somit das Streben, dem einzelnen Individuum und der Gemeinschaft dabei zu helfen, größt mögliches Glück zu erlangen, jedem auf seine Weise - und das so schnell wie möglich.